Gaby präsentiert:

Interview mit Sophie Behr

Wie kamen Sie als Journalistin zum Bücherschreiben?

Das liegt doch nahe. Fast alle JournalistInnen schreiben irgendwann Bücher, nach Ansicht elitärer Menschen sind diese Bücher aber meist daneben. Breiter verstanden beantworte ich die Frage so: Mein Handwerk, folglich mein bestes Ausdrucksmittel ist eben die Sprache. Ich kann mich auch in mehreren Sprachen ausdrücken. Das hilft. Madonna hat gesagt, sie will, daß sich jeder Mensch ausdrücken kann und darf. Diese Ansicht teile ich voll.

Ist "Ida & Laura" ein einmaliger Ausbruch in die Belletristik oder ist mehr geplant?

Wahrscheinlich ersteres, denn es gibt so viele Menschen, die schreiben sollten. Mich interessiert zur Zeit das, was Frauen, die nicht mitteleuropäisch oder nordamerikanisch geprägt sind, auszudrücken haben - sprich: nicht-weiße jüngere Frauen. Die sollen nun mal zum Zuge kommen.

Wie sind Sie darauf gekommen, dieses ungewöhnliche Mutter-Tochter-Buch zu schreiben?

Ich glaubte, genau dies mitteilen zu sollen: Wie könnte es sein, sich selbst noch einmal zu gebären und Hey Jude, don't make it bad, take a sad song and make it better - better ... Anfang der 70er Jahre, als die ersten Frösche geklont wurden, geriet ich bereits aus dem Häuschen.

Ihr Buch eröffnet dem aufmerksamen Leser eine durchaus kritische Einstellung dem Feminismus gegenüber. Welche Leserschaft wollen Sie erreichen?

Feminismus heißt für mich "im Zweifel für die Frau", was beinhaltet, daß erst einmal gezweifelt werden muß. Ich darf als Frau meine Mitfrauen auch mal kritisieren, und da Mutterschaft ein Tabu in den meisten Frauenbewegungen ist, habe ich mir erlaubt, da etwas dagegenzusetzen, was seit langem empfindlich fehlt. Ich will eigentlich alle Menschen erreichen. Wen ich letztlich erreiche, ist ein anderes Thema.

Mußten Sie nach der Veröffentlichung des Buches nicht befürchten, von den "Mitschwestern" geächtet zu werden?

Ja, ich fürchte mich davor, ich habe auch schon - von einer meiner besten Schwestern - gehört, daß ihr das Buch "zu intim" sei. Aber ich konnte ganz gut ermessen, was ich riskierte. In meinem Freundes- und vor allem Innenkreis wird sich etwas verändern.

Sie haben selbst eine Tochter. Was hat die zu Ihrem Buch gesagt?

Meine Enkeltochter Hanna Magdalena ist sieben und kann noch nicht lesen. Die o.a. Schwester empfahl mir, es ihr zu widmen - als Ermutigung. Mein 31jähriger Sohn hat das Buch noch nicht gelesen, sagt über das, was er gelesen hat: "schön" und "gut".

War es schwer, einen Verlag zu finden?

Ja und nein. Ich war gewitzt und informiert durch mein Vorleben (u.a. PR-Arbeit für Mütter ohne Männer, deren Diskriminierung ja politisch gewollt ist). Ich war auch gewarnt durch meine überraschend vergeblichen Versuche, meine ‘Memoiren' ("Riecher Innerungen" von Nasenbaer & friends, Ruhsdorf 1991, 120 S.) in einem Verlag anzubringen, obwohl sie die Weihe der "taz"-Veröffentlichung (als Kolumne) hatten. Diese spinnösen Geruchsgeschichten sind fast vergriffen. Ich hatte die ganzen neun Jahre während des Schreibens Augen und Ohren offen, wer wohl in Frage käme. Nach halbherzigen und auch vergeblichen Versuchen - bei Fischer, Frauenoffensive - dann Ulrike Helmer, die übrigens eine wunderbare sorgfältige Lektorin und Verlegerin ist. Ich habe eine so gute Zusammenarbeit in meinem Leben noch nicht erlebt - und das will etwas heißen.

Wie war Ihr persönlicher Weg durch den Feminismus?

Nur kurz und möglichst dicht. Ich wurde Feministin, als während meiner ersten auszutragenden Schwangerschaft sich - erstaunlich für mich - einige meiner vermeintlichen Freunde weigerten, mir den - wie ich meinte - kleinen Gefallen zu tun, mich zu heiraten. Als mein Sohn da war, wurde ich noch mehr zur Feministin. Plötzlich erkannte ich, daß wir im Patriarchat leben. Da ich es als äußerst ungerecht empfinde, Frauen als Menschen - wenn überhaupt, dann zweiter Klasse - behandelt zu sehen, stritt ich fortan für Gerechtigkeit. Und je mehr ich stritt, desto klarer wurde mir, daß man sich nicht ungestraft auf die Seite der schwächeren Bataillone schlägt. Ich war privilegiert genug, um das aushalten zu können, überleben zu können, denn ich war ja inzwischen eine gut verdienende und geachtete SPIEGELfrau.

War der Feminismus für Sie persönlich "nötig"?

Ich glaube nein. Aber ich verdanke den Frauenbewegungen unendlich viel an Bewußtseinserweiterung und -veränderung.

Feminismus heute - Ihre Meinung?

Ich mag -ismen nicht und vermeide es, Urteile zu fällen und Etiketten aufzukleben. Wenn Sie fragten, wie steht es heute mit der Sache der Menschwerdung der Frauen - dann antworte ich, es gibt noch unendlich viel zu tun. "I pack die Gaudi nimmer" - so meinte 75jährige Milchbäuerin in anderem Zusammenhang. Und deswegen lebe ich heute zurückgezogen auf dem Land. Ich habe einen Heißhunger nach Natur und "simple-life-fever", wie unsere Freunde im Land der tausend Möglichkeiten sagen. Hinzukommt, daß Strukturen - auch schlechte, immerhin, es geht nicht ohne Strukturen - hier noch erkennbar sind bzw. waren, als ich im April 1988 herzog. Ich gärtnere selbst, versorge mich zu zwei Drittel selbst - weil es so gut schmeckt.

Sie "lesen und schreiben", heißt es im Klappentext Ihres Buches. Was und für wen?

Ich lese und schreibe - Tagebuch, Briefe hin und wieder - fast immer honorarlos - für Zeitschriften wie die "ab 40", die andere Werte setzen wollen. Ich mache auch Buchbesprechungen, wobei mir die Bücher am Herzen liegen, die jene geschrieben haben, die bisher noch kaum zu Wort kamen, s.o. Da gibt es Edwige Danticat, Jamaica Kincaid, die in "Afrikanissimo" genannten AutorInnen. Vielleicht suche ich jetzt nach Abschluß des Romans auch eine neue altersangemessene "Aufgabe"?

(Interview: Gaby, November 1997)


1. Dezember 1997; Kultur-Redaktion

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Olli