Der Lebenskick ist weg. Die Ich-Erzählerin in Jutta Heinrichs neuem Roman "Unheimliche
Reise" fühlt sich in einem rätselhaften Zustand gefangen und abgestumpft. Sie muß etwas
dagegen tun, fährt hinaus in die deutsche Provinz und quartiert sich für längere Zeit in einem
spießigen Hotel ein. Es ist Frühling. Die Vögel zwitschern. Doch die Idylle trügt. Das "Hotel zur
Post" ist Schauplatz eines unheimlichen Ereignisses. Die Protagonistin der Geschichte wird
Zeugin einer Gewalttat: Eine Frau wird Opfer männlicher Brutalität. "Halten Sie den Mund zu,
und aufs Bett und gleich die Klamotten runter! Nein - nicht auf den fetten Bauch, mein Gott!"
muß die unfreiwillig mit anhören. Da überkommt sie eine "aufglimmende Verantwortung,
schließlich handelte es sich um eine Frau, vielleicht eine hilflose Frau." Aber sie schläft wieder
ein, hat am nächsten Morgen "das beglückende Erlebnis des Erwachens".
"Wissenschaftler wollen das sein!" kommentiert die Wirtin des Hotels. Die Romanheldin
wird aktiv, sieht im Nachbarzimmer eine Frau - und viel kurzes Tierhaar. Schließlich geht sie zur
Polizei. Doch dort wird sie verlacht und abgewiesen. Sie wird sogar der Denunziation bezichtigt und
scheint schon in der ganzen Stadt bekannt zu sein wegen verdächtigen Verhaltens. Sie gerät in einen
Strudel merkwürdiger Ereignisse, fast in Lebensgefahr, weiß schließlich nicht mehr, ob sie wacht
oder träumt. Auf jeden Fall ist der Lebenskick wieder da.
Die Gewissenlosigkeit moderner Forschung, die außerdem immer noch Männersache ist, der
Zynismus des starken Geschlechts, das sich nicht mit der zunehmenden Verweiblichung der Welt
abfinden kann und sich der drohenden Impotenz bzw. Kastrationsangst dadurch entziehen will,
indem es mittels wissenschaftlicher Forschung die Frau als Gebärmonopol umgehen will und Erfolg
damit hat - erstmal - sind Gegenstand des Buches, das man als Krimi auffassen kann. Aber natürlich
begnügt sich Literatur von Jutta Heinrich nicht damit. Sie hat immer mehr zu sagen als nur pure
Spannung zu verbreiten. Natürlich geht es ihr auch hier wieder um den Geschlechterkampf. Doch sie
erstellt auch ein unheimliches Szenario, das ein Schlaglicht wirft auf die Entfernung des modernen
Menschen von sich selbst, auf die fehlenden Zufluchts- und Erholungsmöglichkeiten in unserer
verbrauchten, regenerationsbedürftigen Zivilisation, einfach: auf die verstärkten Unsicherheiten, die
dumpfen Ängste des Menschen um die Jahrtausendwende. Gewohnt präzise und markant ist ihre
Sprache. Ironie klingt hin und wieder leise an, ein postfeministisches Seufzen. Die Autorin schreibt
dann doch mehr als Mensch als als Frau - und das ist gut so.